ESSAY-BRIEF

Essay-Brief  Jänner 2019

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Wer bin ich? Wer will ich sein?

© Bernd Helge Fritsch

 

Vor kurzem habe ich von einem lieben Freund das folgende Mail bekommen:

 

Lieber Bernd,

In deinem letzten Essay- Brief empfiehlst du, sich die Frage zu stellen: wer bin ich?

Ich kenne diese Frage durch meinen Indien- Aufenthalt im Ashram von Ramana Maharshi.

Wenn man sich die Frage stellt, findet man keine Antwort. Dies ist vermutlich so gewollt.

Ist es nicht viel besser, sich die Frage zu stellen: wer will ich sein? Oder auch: wie will ich sein?

Hier findet man trefflich Antworten und Vorstellungen, welche mehr oder we-niger realistisch sind und auch greifbar für dieses Leben.

Ich finde, dass man mit diesen Fragen im Leben tatsächlich weiterkommt und nicht Zeit verschwendet mit Fragen, die man nicht wirklich beantworten kann. Es geht doch darum, bei sich zu beginnen, seine eigenen Fähigkeiten und Talente zu kennen und zum Wohle seiner mit Mitmenschen einzusetzen. Hier sehe ich auch den Sinn des Lebens.

Ich bin schon gespannt auf deine Antwort.

Ganz liebe Grüße

 

Hier meine Antwort zu diesem Mail:

 

Lieber Freund!

Ich freue mich sehr über deine Frage und über deine Bereitschaft dich tiefer auf die wesentlichen Themen unseres Erden-Daseins einzulassen.

Wer bin ich?

In deinem Mail bringst du zum Ausdruck, dass es deiner Meinung nach überflüssig und eine Zeitverschwendung sei, sich mit dem Thema „Wer bin ich?“ auseinander setzen – wenn es darauf ohnedies keine Antwort gibt.

Auf die Frage aller Fragen: „Wer bin ich?“ gibt es sehr wohl eine Antwort. Doch diese befriedigt nicht unseren herkömmlichen, intellektuellen Wis-sensdrang. Zu erfahren wer wir sind, entspricht einer seelischen Verwand-lung, welche uns zutiefst berührt, befreit und glücklich macht.

Im Gegensatz zu unserem Körper und zu unseren mentalen Vorgängen (Denken, Fühlen, Wollen und Erinnern), ist der unvergängliche Wesenskern des Menschen kein Objekt, das wir mit unseren Sinnen wahrnehmen und mit unserem Denken analysieren können.

Der Mystiker Angelus Silesius bringt es auf den Punkt:

„In Gott wird nichts erkannt, er ist ein einzig Ein.

Was man in ihm erkennt, das muss man selber sein!“

 

Unser Verstand kann uns nur den Weg weisen, wie wir unser spirituelles, unvergängliches Sein, welches ident ist mit „allumfassende Einen“, erleben oder wie man treffend sagt, „verwirklichen“ können.

Zu sich selbst zurück zu kehren, zum „Einen“ zu gelangen, sich der eigenen Göttlichkeit bewusst zu werden, entspricht dem vordringlichsten Bedürfnis unserer Seele. Es ist die wichtigste und schönste Aufgabe in unserem Leben zu „erfahren“ und zu „leben“, wer wir sind.

Doch mangels entsprechender Einsicht versuchen die Menschen ihre Sehn-sucht nach der Vereinigung mit dem eigenen Selbst ersatzweise durch Erfolg im äußeren Leben, durch den Erwerb von Besitztümern oder durch sonstige Aktivitäten von denen sie sich ein glückliches Dasein erwarten, zu befriedi-gen. Deshalb bleibt ein gewisses Gefühl von Mangel und Unerfüllt-Sein ihr ständiger Begleiter.

Wer ist es, der da will?

Die von dir gestellten Frage „Wer will ich sein?“ oder „Wie will ich sein?“ betreffen das äußere vergängliche Erscheinungsbild der Seele. Zu erkennen wer und wie ich sein will, ist zweifellos sehr hilfreich um zu begreifen wie unser Ego-Ich funktioniert und wer wir nicht sind. Das wiederum bildet eine sehr gute Basis um zu erfahren, wer wir tatsächlich sind.

Allerdings wenn wir tiefer auf unser Wesen eingehen wollen, so gilt es vor-rangig zu klären „Wer ist derjenige, der da etwas will?“ und damit sind wir schon wieder bei der zentralen Frage: „Wer bin ich?“

Erst wenn diese Frage gelöst ist, oder anders gesagt, wenn wir fähig sind das „Himmelreich in uns zu schauen“, endet alles Sehnen und Wollen. Erst dann findet die Seele die Erfüllung und den Frieden nach dem sie sich sehnt.

Den Menschen dienen

Die von dir angesprochene Bereitschaft alle Menschen zu lieben und ihnen zu dienen, bildet eine grundlegende Voraussetzung für die Rückkehr zu unserem wahren Sein. Dieser Bereitschaft stellt sich wie von selbst ein, wenn uns unsere Verbundenheit, unser „Eins-Sein“ mit dem gesamten Uni-versum, mit aller Natur und allen Menschen bewusst wird.

Erst durch unsere Verbindung mit dem Höchsten sind wir wirklich fähig mit unserem Denken und Handeln, und insbesondere durch unsere Ausstrah-lung, durch unser Gegenwärtig-Sein einen wertvollen Beitrag „zum Wohle unserer Mitmenschen“ zu leisten.

Der Weg zu sich selbst

Es ist also für die Seele sehr wohl sinnvoll sich für dieses Leben und für alles Nachfolgende mit der Frage: „Wer bin ich?“ auseinander zu setzen.

Doch wie können wir Eins werden mit uns selbst? Wie können wir die Rück-kehr des Verlorenen Sohns – wie im Essay-Brief vom August 2018 angespro-chen – vollziehen?

Einen wunderbaren Hinweis auf unser transzendentes - mit Sinnen nicht wahrnehmbares und mit dem Verstand nicht vorstellbares göttliches Sein finden wir in der Kena-Upanishad. Sie zählt zu den Veden, den ältesten uns überlieferten Weisheitslehren der altindischen Kultur.

 

Der Lehrer spricht zum Schüler:

Das, was die Zunge sprechen lässt, aber von der Zunge nicht gesprochen werden kann – erkenne dies als das Höchste und dieses Höchste bist du!

Das, was unser Auge sehen lässt, jedoch selbst nicht geschaut werden kann - erkenne dies als das Höchste und dieses Höchste bist du!

Das, was unser Ohr hören lässt, jedoch nicht gehört werden kann - er-kenne dies als das Höchste und dieses Höchste bist du!

Das, was den Geist denken lässt, was jedoch selbst nicht gedacht wer-den kann – erkenne dies als das Höchste und dieses Höchste bist du!

 

Wir können das Höchste, unser nicht denkbares, transzendente Sein andeu-tungsweise mit den Worten umschreiben: „Vollkommenheit, Weisheit, Prä-senz, Glückseligkeit und Liebe“.

Auch diese Begriffe sind in ihrer wahren Bedeutung nicht denkbar. Denn höchste Vollkommenheit, Weisheit, Liebe und Glückseligkeit kannst du nur erfahren, nur fühlen, nur sein.

Damit die Seele ihr Innerstes finden kann, ist es erforderlich, dass sie sich von ihren irdischen Verstrickungen befreit. Dies geschieht indem sie ihren Blick immer wieder nach innen wendet, ihr Denken, Fühlen und Wollen fortlaufend beobachtet und nicht zuletzt stille wird.

Dies bedeutet nicht eine Abwendung von den Aufgaben, die jeder Tag an uns heranträgt. Im Gegenteil, wir schaffen die besten Voraussetzungen für unse-re Rückkehr zum „Einen“, indem wir Weisheit, Liebe und Glückseligkeit im Alltag fortlaufend praktisch umsetzen und so unsere Seele bereit machen, das Höchste – was wir sind – zu verwirklichen.

 

Mit herzlichem Gruß

Bernd